Stephan Sarek, Berlin
Offener Brief
Stephan Sarek
Berlin
Internationale Akademie INA Berlin gGmbH
Muskauer Str. 53
10997 Berlin
11.02.26
Ihr seid umzingelt. Umzingelt von Radikalen, Rassisten, Verschwörern, Nazis, Frauenfeinden und Homophoben. Mithin Bösewichtern, die es zu bekämpfen gilt und denen Ihr mit edler Gesinnung zu begegnen verpflichtet seid. Nun also die Indianer. Ein Begriff, den es eigentlich nicht geben dürfte und der daher schon allein beim Aussprechen rassistisch ist. Sozusagen das I-Wort. Gestützt wird Euer hehres Einschreiten durch das Navajo-Laguna-Kiaono-Pueblo Mädchen, das wütend wird, wenn Kinder sich über ihre Kultur lustig machen, indem sie sich Federn ins Haar stecken. Wow! An das Mädchen habe ich tatsächlich nie gedacht, wenn ich meinen Kindern Federn ins Haar steckte. Ich Irrender. Gut finde ich deshalb, dass Ihr in Eurem Mahnbrief „KiDs aktuell (01/26) den Hinweis gebt, dass die von Euch kritisierten Kostüme nur einen Bruchteil der möglichen Verkleidungen darstellen. Es gibt also noch andere, das wusste ich gar nicht. Hilfreich allerdings wäre in diesen Fall eine Liste der Euch genehmen Verkleidungen, da nur so verhindert werden kann, ins nächste rassistische Fettnäpfchen zu treten. Ähnlich der Liste der erlaubten Frisuren, mit denen Nord-Koreas Regierung seiner Bevölkerung vorschreibt, wie sie sich zu frisieren hat. „1984“ nannte George Orwell seinen dystopischen Roman in dem Big Brother den Menschen nicht nur diktiert, wie sie zu sprechen, sondern auch, was sie zu denken haben. Sein „Neusprech“ wird heute Gendern genannt, er war also seiner Zeit weit voraus. Doch dass es mittlerweile nicht mehr nur Mann und Frau gibt, sondern, nach moderner identitätsbasierter Sichtweise, bis zu 70 Geschlechter, ist hingegen ein Plot, der selbst dem phantasiereichsten Autor nicht eingefallen wäre. Euer Argument, dass auf Kinder Druck ausgeübt wird, wenn sie sich eindeutig als Junge oder Mädchen definieren und dies durch entsprechendes Aussehen und Verhalten unterstreichen, ist übergriffig. Kinder definieren sich als das, was sie in sich sehen; sie benötigen keine Erwachsenen, die ihnen „behilflich“ sind bei der Wahl ihres Geschlechts. Sie benötigen auch niemanden, der ihnen einredet, dass ihr Faschingskostüm rassistisch ist, weil es ein Navajo-Laguna-Kiano-Pueblo Mädchen wütend macht. Sie sind solange nicht rassistisch, bis es Ihnen von „wohlmeinenden“ Erwachsenen eingeredet wird. Es sind Gutmenschen wie Ihr, die ein harmloses Verkleidungsspiel zum Vergehen umdeuten. Genau genommen beginnt Rassismus dort, wo man Menschen vorschreibt, was sie als rassistisch gegen ihre eigene Person zu empfinden haben. Die Tyrannei der edlen Ritter, pardon Ritter*Innen, scheint die Königsdisziplin der Gutmenschen zu sein und wenn wir anfangen, uns nach dem Willen einer schreienden Minderheit zu kleiden, wird deren nächster Griff wahrscheinlich der nach unseren Gedanken sein – Romantik gilt in „1984“ als Sicherheitsrisiko.
Ps. Bedauerlicherweise will mein Sohn diesmal nicht als Indianer zum Fasching gehen. Nicht, weil er es als rassistisch empfindet, sondern weil er aktuell mehr auf KungFu steht. Ich bitte daher schon jetzt alle Schwarzgürtelträger um Verzeihung
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